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Colonialism in camouflage

The Radio Disaster Series – Listening session

Mit The Radio Disaster Series: Colonialism in camouflage [Getarnter Kolonialismus] kündigt das Mudam ein Veranstaltungsprogramm des Kollektivs Beyond the post-soviet in Zusammenarbeit mit dem Mudam an. Diese zweite Ausgabe der Radio Disaster Series widmet sich dem dekolonialen Denken und der Frage, wie man mit seiner Hilfe die Heimtücke des imperialistischen und kolonialistischen Denkens sowie kolonialer Praktiken in Europa und in postkolonialen Gebieten kritisch reflektieren und ihnen Widerstand leisten kann.

Kapitel I

Imperial violence and occupation in (post-)Soviet territories and beyond

Das vom Mudam in Auftrag gegebene und von Beyond the post-soviet kuratierte erste Kapitel ist eine Reaktion auf die Dringlichkeit, die anhaltende imperiale Gewalt gegenüber Mittelosteuropa, den baltischen Staaten, dem Kaukasus, Zentralasien und darüber hinaus sowie ihre langfristigen Auswirkungen auf die Gesellschaften und ihren Ausdruck in der bildenden Kunst anzuerkennen. Ab November 2022 werden im Rahmen von Colonialism in Camouflage eine Reihe von Offline- und Online-Veranstaltungen stattfinden: ein Vortrag von Epp Annus, eine Listening Session, eine intensive Betrachtung eines Kunstwerks aus der Sammlung des Mudam sowie Workshops für Erwachsene und Kinder.

Der Titel des Programms leitet sich ab von Soviet Postcolonial Studies: A View from the Western Borderlands (2018), einem Buch der Literaturwissenschaftlerin und Autorin Epp Annus, die den Ausdruck „colonialism in camouflage“ [getarnter Kolonialismus] verwendet, um verschiedene Strategien der sowjetischen Vorherrschaft aufzuzeigen. Diese in verschiedenen Regionen angewandten Strategien umfassten territoriale Besetzungen, Deportationen, Völkermorde, künstlich herbeigeführte Hungersnöte, die Unterdrückung lokaler Kulturen sowie eine bewusste Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses. Der Titel verweist auch auf eine lange Geschichte militärischer Gewalt in diesen Gebieten, wobei die jüngste russische Militäroffensive in der Ukraine sich nicht als isoliertes Ereignis präsentiert, sondern als Ergebnis anhaltender imperial-kolonialer Strategien und Denkweisen.

Das zweite Kapitel, das im Januar 2023 beginnt, wird diese Themen erweitern und sich auf die lang anhaltenden Folgen des westeuropäischen Kolonialismus konzentrieren. Dieser Teil wurde von Mudam konzipiert und wird von Line Ajan, Clémentine Proby und Joel Valabrega kuratiert.

Als Antwort auf diese Thematik versucht das Programm, mit denTeilnehmer·innen einen geschützten Raum zu etablieren, innerhalb dessen theoretische und künstlerische Beiträge, Diskussionen und Debatten auf individuelle und kollektive Geschichten und Erinnerungen im Sinne wertvoller Wissensquellen zurückgreifen werden. Diese Momente des Lernens zielen auf ein kollektives unlearning jener imperialistischer Vorstellungen und Perspektiven ab, die in die westlichen Gesellschaften eingebettet sind.

Listening Session

How to be anti-colonial? | 04.12.22 | 14h00

In einem Beitrag zu einer Serie von Veröffentlichungen mit dem Titel „Are we post-colonial? Post-Soviet space” [sind wir postkolonial? Post-sowjetischer Raum] fragt die renommierte Literaturtheoretikerin, postkoloniale und feministische Wissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak Lehrende der slawischen und osteuropäischen Literatur „Sind Sie postkolonial?“ (2005). Die tief verankerte physische, ökonomische und kulturelle Gewalt eines jeden kolonialen Projekts, einschließlich jener, die zuerst das imperiale Russland, dann die Sowjetunion und heute der russische Staat ausübt, wird auf diese Weise in individuelle und kollektive Narrative eingebettet. Im Einklang mit Spivaks Gedanken ist die Listening Session in Dialog mit dem Kurator und Theoretiker Vasyl Cherepanyn, der Künstlerin Lia Dostlieva, der Künstlerin und Kuratorin Tatiana Fiodorova und die Philosophin Renata Salecl als Raum für den Austausch über verschiedene Formen der Besatzung – politisch, territorial, kulturell, ideologisch – sowie für das Überdenken der Rahmenbedingungen eines solchen Austauschs gedacht. Das Publikum ist zum aufmerksamen Zuhören eingeladen. Am Ende der Session findet eine informelle Versammlung im Auditorium des Mudam ohne Mikrofone statt.

Vortrag

Colonialism in camouflage and the subaltern who speaks: politics and resistance under Russian rule von Dr. Epp Annus | 06.11.22 | 15h00

Der Kolonialismus in seinen zahllosen Ausprägungen ist ein globales Phänomen, das Politik und Praxis nicht nur in Asien, Afrika und den beiden Amerikas, sondern auch auf dem eurasischen Kontinent geprägt hat – und weiterhin prägt. Diese kolonialen Hinterlassenschaften und tief verwurzelten Ungerechtigkeiten bestimmen noch immer menschliche und nichtmenschliche Lebensweisen auf unserem Planeten. Der Vortrag betrachtet die Geschichte und das Erbe des russischen Imperiums und der Sowjetunion aus einer postkolonialen Perspektive und stützt sich dabei auf Fallstudien aus dem Baltikum und der Ukraine. Im Anschluss findet eine Diskussion zwischen Epp Annus, dem Kollektiv Beyond the post-soviet und dem Publikum statt.

Beyond the post-soviet
Beyond the post-soviet gründete sich 2021 als nicht-hierarchisches Kollektiv, das sich zum Ziel gesetzt hat, Wissen über jene geografischen und kulturellen Regionen, die früher als „postsowjetischer Raum“ und „postsozialistische“ Länder bezeichnet wurden, zu sammeln und zu verbreiten. Die Gruppe verfolgt einen affektiven Forschungsansatz und stützt sich auf verschiedene Arten von Wissen: theoretisches Wissen, Kunstwerke und Fiktion, individuelle und kollektive Geschichten, Erinnerungen und Gefühle. Sie bringt Künstler·innen, Forscher·innen, Denker·innen und Kurator·innen aus verschiedenen Lebens- und Arbeitsbereichen zusammen.